Beziehungsaus, Borderline, Blog und das imaginäre Blag im Bauch

Borditagebuch

Es ist der 27. März 2015. Ein grauer, verregneter Frühlingstag, der meine jegliche Hoffnung auf Optimismus und Sonnenschein zunichte macht. Ich komme gerade von der Arbeit zurück. Mein Zahn tut weh, zieht und erinnert mich daran, dass ich am Leben bin. Danke, danke, du fürsorglicher stumpfer Schmerz…

Es ist zwei Tage her, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe. Wir waren etwas über ein Jahr zusammen. Am Anfang war es wunderschön harmonisch, am Ende war es traurig und bitter. Und ich konnte nicht mehr. Ich wusste, dass sich vieles verändert hatte. Aber ich hatte panische Angst davor, dass die Dinge mit der Zeit nur noch schlechter werden. Panik davor, verlassen zu werden. Jetzt ist es soweit. Ab jetzt hieß es, wieder zu kämpfen.

Das bedeutet, jede Sekunde, jeden Moment des Nachdenkens nicht nachzugeben. Das bedeutet, schmerzhaft Erinnerungen und Gewohnheiten zu brechen. Nach vorne zu schauen, obwohl es noch weh tut. Ich ganz allein, ohne ihn. Ohne eine gemütliche große Schulter, an die ich mich anlehnen kann. Ohne seinen Blick, seine Anwesenheit, die süße Gewohnheit… Was verliere ich alles. Doch ich weiß auch, dass ich mich nicht ohne Grund von ihm trenne. Die Gründe sind wichtig, und ich kann nicht weiter so tun, als wäre nichts. Wir verändern uns. Es tut weh, ich muss akzeptieren, dass auch die schönsten Träume einmal ausgeträumt sind. Ich muss realistisch bleiben, nach vorne schauen. So viel zur Theorie.

Das bockige kleine Mädchen in mir will einen weiteren Verlust nicht akzeptieren. Es versteht die Dinge nicht so schnell, braucht Zeit. Und ich weiß genau, dass der Augenblick kommen wird, wenn sie es plötzlich durchschaut. Das wird ihr nicht gefallen. Was dann ist, weiß ich noch nicht. Vielleicht stampft sie mit den Füßen und zwingt mich dazu, nach ihrer kleinen nervigen Geige zu tanzen. Wie sie wütend sein? Wird sie es mir verzeihen?..

Nein, viel schlimmer ist, dass sie traurig sein wird und dass ich es akzeptieren muss. Weil ich die Erwachsene bin. Ich hasse es, wenn Leute, die mir wichtig sein, leiden. Sie weiß es genau. Sie zwingt mich damit in die Knie und bekommt möglicherweise ihren Willen.

Habe ich denn gar keinen Rückgrat?! Vor ihr nicht. Sie ist meine Schwachstelle, meine Achillessehne. Wenn sie reißt, reißt alles. Sie ist mein Bauchgefühl, mein Kompass, meine Verbindung zwischen der Vergangenheit und dem Hier und Jetzt. Ich habe sie jahrelang vernachlässigt, ignoriert, aber nur weil ich es nicht besser wusste.

Doch eins ist sicher: sie ist und bleibt mein Kompass. Verlasse ich sie, so bin ich verlassen. Unterstütze ich sie, so wird für mich gesorgt. Höre ich ihr zu, sagt sie in mir, was wirklich los ist. Oh ja, sie weiß es immer ganz genau, kann es nur nicht immer in unserer Erwachsenensprache erklären. Man muss Geduld haben, einen Zugang finden, ihre Sprache verstehen, Spiele spielen, man darf keinen Druck machen. Was passiert, wenn man zu viel Druck macht? Na, was machen Kinder wohl dann – dicht machen! Sich weigern, überhaupt noch zu kooperieren. Weglaufen, sich auf den Boden setzen, protestieren. Egal, ob das Sinn macht, ob das angebracht ist, ob das peinlich ist oder ob man dadurch in Schwierigkeiten gerät. Sie ist nur ein Kind. Sie kann es eben nicht verstecken oder zurückhalten. Jemand muss für sie sorgen. Würden Sie ein kleines Kind allein auf der Straße stehen lassen? Würden Sie Ihr Kind allein lassen?

Ich muss zugeben, dass ich es jahrelang gemacht habe. Ich habe noch nicht einmal eine Erinnerung daran, wie es genau geschah, weil ich damals überhaupt noch nicht gelernt habe zu reflektieren. Sie zu erkennen, ihre Sprache zu verstehen, sie zu trösten – das alles sind Ergebnisse meiner Therapien und einer Vielzahl erfolgreicher Achtsamkeitsübungen. Immer und immer wieder, und es geht immer noch nichts darüber. Einfach am Ball bleiben, weil es sich lohnt.

Natürlich ist die Situation, die mit mir jetzt passiert ist, keine Regel. Eine Trennung verlangt einem Bordi alles ab, sie weckt die geheimsten Ängste. Sowas geht tief in die Vergangenheit, an den ekligen Wurzeln des Übels entlang, herab zum Ursprung der Krankheit. Wo wurde ich zum ersten Mal verletzt? Wann hat man mir etwas entrissen? Wie bin ich damit klar gekommen? Sie weiß es noch ganz genau als wäre es heute morgen passiert, ich nicht. Ich habe gelernt damit zu leben, indem ich es verdränge. Sie hat Nie gelernt, damit zu leben.

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